{"id":187,"date":"2020-03-19T15:11:44","date_gmt":"2020-03-19T13:11:44","guid":{"rendered":"http:\/\/astridschmeda.de\/?page_id=187"},"modified":"2020-03-19T15:16:23","modified_gmt":"2020-03-19T13:16:23","slug":"hinter-den-kulissen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/astridschmeda.de\/?page_id=187","title":{"rendered":"Hinter den Kulissen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/astridschmeda.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Cover-Hinter-den-Kulissen-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" class=\"alignnone size-medium wp-image-194\" srcset=\"https:\/\/astridschmeda.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Cover-Hinter-den-Kulissen-191x300.jpg 191w, https:\/\/astridschmeda.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Cover-Hinter-den-Kulissen.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><\/p>\n<p><strong>Astrid Schmeda<br \/>\nHinter den Kulissen<br \/>\nRoman<\/p>\n<p>ISBN<br \/>\n978-3-943446-47-0<\/p>\n<p>Preis<br \/>\n\u20ac 19,-<\/p>\n<p>548 Seiten<\/p>\n<p>Edition Contra-Bass<\/strong><\/p>\n<p>Elisa und Vinzent wollen nach der Zeit des Aufbruchs in den 70er und 80er Jahren ein unabh\u00e4ngiges, engagiertes Leben f\u00fchren.<br \/>\nElisa ist Gestalttherapeutin und spielt in einer Theatergruppe. Vinzent leitet ein kleines Theater. Elisa hat sich von Vinzent getrennt, sie wechseln sich mit den beiden Kindern ab, doch ihre Liebe ist nicht beendet. Sie ger\u00e4t an ihre Grenzen, als sie sp\u00fcrt, wie die famili\u00e4re Vergangenheit und fr\u00fcher Missbrauch sie in Liebe und Sexualit\u00e4t beschr\u00e4nken.<br \/>\nSie beginnt eine Therapie bei Adam. Er ist in Israel geboren und hilft ihr, sich der Gef\u00fchle f\u00fcr ihren Vater Hinnerk, der Nazi war, bewusst zu werden. Sie f\u00fchlt immer mehr in eine starke Anziehung f\u00fcr Adam.<br \/>\nNach dem Tod von Hinnerk verl\u00e4sst Elisa ihr bisheriges Leben und zieht mit den Kindern nach S\u00fcdfrankreich. Sie gr\u00fcndet in der N\u00e4he von Avignon eine Laientheatergruppe und entwickelt zu ihrem Schweizer Nachbarn eine vorsichtige Ann\u00e4herung, die ihr neues Leben in ein Chaos st\u00fcrzt.<br \/>\nAuf den verschiedenen Ebenen der Theaterst\u00fccke, Tr\u00e4ume, Phantasien, Kindheitserinnerungen und durch den Witz und die Neugier der Kinder entfaltet die Autorin ein lebendiges und vielschichtiges Kaleidoskop engagierter Lebensk\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Leseprobe:<br \/>\nAls sie sich vor f\u00fcnf Jahren entschlossen hatte, aus dem Frauenhaus-Kollektiv auszusteigen und eine eigene Praxis aufzumachen, hatte sie lange mit einer inneren Stimme gek\u00e4mpft, die ihr ver\u00e4chtlich vorwarf, sie \u00fcberlie\u00dfe nun den Anderen die schmutzige Arbeit und wollte sich gem\u00e4chlich im Therapeutenstuhl zur\u00fccklehnen. Nach f\u00fcnfzehn Jahren Frauenhaus sei es erlaubt, hatte sie der Stimme entgegnet, sich eine leichtere Arbeit zu suchen, zumal sie nun mit den beiden S\u00f6hnen allein leben wollte und sich eine Arbeitszeit ohne Nachtdienste w\u00fcnschte. Aber sie wusste, es war ein Ausweichen vor der direkten Gewalt. Sie wollte nicht mehr nachts, von Martinsh\u00f6rnern begleitet, die Frauen aus irgendeinem Versteck holen und dann an der T\u00fcr zum Frauenhaus den mit Brecheisen Bewaffneten entgegentreten m\u00fcssen, um am anderen Tag zu erleben, wie die Frauen ihre Sachen packten und zur\u00fcck zogen in ihr Elend. Heute konnte sie nicht mehr sagen, was leichter war, vielleicht hatte sie vor der Brutalit\u00e4t kapituliert. Stattdessen hatte sie nun mit dem Horror zu tun, der die Frauen begleitete und schon lange in ihnen lebte, der sie dazu trieb, in ihrem Leben immer wieder die Gewalt zu suchen, nicht weil sie so \u201everanlagt\u201c waren, wie Klothilde es nannte, sondern weil sie sich von ihr zu befreien w\u00fcnschten. Mit dieser Entscheidung war sie in die Sph\u00e4re des Unsichtbaren und des Unvorstellbaren getreten, die einen, wenn man nicht aufpasste, nicht mehr loslie\u00df. Elisa stand am Fenster und erwartete ihre erste Klientin. Kurz vor neun Uhr am Morgen f\u00fchlte sie sich ersch\u00f6pft, ausgelaugt und abgek\u00e4mpft wie nach einem langen Arbeitstag.<br \/>\nB. war nicht anwesend. Elisa merkte es gleich, als sie au\u00dfer Atem an der T\u00fcr der Turnhalle ankam und ihre Schwester Hiltrud ihr entgegen kam. Bis nachher! rief Hille ihr zu.<br \/>\nBruno wollte anfangen. Elisa band sich noch ihre dichten Haare im Nacken zusammen. Sie liefen mehrere Runden in der Halle, schlugen Purzelb\u00e4ume, warfen sich B\u00e4lle zu. Elisa sp\u00fcrte, wie sie sich verwandelte, sie war jung und gelenkig, sie konnte springen und tanzen und lachen. Auch wenn sie sich immer von au\u00dfen betrachtete. Aber B. war nicht anwesend. Hiltrud hatte ihrem Mann gebracht und w\u00fcrde ihn nachher wieder abholen. Elisa wischte den \u00c4rger beiseite.<br \/>\nElisa, spielst du noch einmal die Cordelia? rief Bruno ihr zu. Und Oscar macht den K\u00f6nig!<br \/>\nSie begannen wieder bei der Anfangsszene, hier mit den ersten Worten wurde alles festgelegt.<br \/>\nWarum f\u00fcgte sich Cordelia nicht, wie ihre beiden Schwestern, den Vorstellungen des Vaters? fragte Oscar.<br \/>\nWarum versucht sie nicht, den Vater auf ihre Seite zu ziehen? \u00fcberlegte Marianne.<br \/>\nEr liebt sie ja eigentlich am meisten, meinte Gritt.<br \/>\nDer Vater stellt die T\u00f6chter auf die Probe, erkl\u00e4rte Bruno. Am Ende seiner Karriere m\u00f6chte er die Liebe seiner T\u00f6chter erhalten.<br \/>\nAber das ist doch dumm! rief Elisa.<br \/>\nEr ist nicht nur Vater, gab Hannes zu bedenken. Er ist der Patriarch, der K\u00f6nig.<br \/>\nDer Fehler ist, dass er seine Macht aufteilen will, stellte Wolf fest.<br \/>\nWieso? Er hat drei T\u00f6chter! Oscar grinste Elisa an.<br \/>\nBruno ging ein paar Schritte auf und ab. Die Situation ist ungew\u00f6hnlich. Der K\u00f6nig will sein Reich unter seinen drei T\u00f6chtern aufteilen, bevor er stirbt. Aber zuvor verlangt er eine Liebeserkl\u00e4rung.<br \/>\nDas hei\u00dft, er gibt sie nicht frei! rief Elisa.<br \/>\nRichtig. Oscar nickte ihr zu.<br \/>\nJetzt gehen wir noch einmal an den Anfang zur\u00fcck. Bruno machte eine Handbewegung, die sie alle einlud, mit ihm zu kommen.<br \/>\nEs ist wie in vielen M\u00e4rchen, fl\u00fcsterte Elisa Hannes zu, als sie sich hinter der Spiellinie aufstellten. Oskar gab das Trompetensignal.<\/p>\n<p>Als Elisa sich umzog, war Hiltrud wieder da. Hast du etwas von Amanda geh\u00f6rt? fragte Elisa.<br \/>\nWir haben vorgestern telefoniert. Sie sagte mir, dass sie Vater besucht hat und danach sehr deprimiert war.<br \/>\nBruno stellte sich neben Hiltrud und l\u00e4chelte Elisa zu. Du bist schon ganz nahe dran. Sch\u00f6n.<br \/>\nElisa ging einen Schritt auf ihn zu, stockte, sah ihn an und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Danke. Seine Wange war rau. In dieser Sekunde nahm sie den Duft seines ganzen Wesens auf. Sie schaute ihn jetzt nur noch einmal fl\u00fcchtig an, umarmte Hiltrud schnell und lief davon. Sie sah sich selber zu beim Davonlaufen und stellte sich vor, wie B. sie sehen w\u00fcrde und was er dazu dachte. Dass sie ger\u00f6tete Wangen hatte und leuchtende Augen, wenn sie ein wenig erregt war und leidenschaftlich eine Sache verfocht, und dass sie sch\u00f6n war, wenn sie spielte. Das w\u00fcrde B. denken.<br \/>\nEs regnete, die Scheibenwischer gaben nur kurze Blicke auf die im Dunkeln gl\u00e4nzenden Stra\u00dfen frei: ein Paar, das sich unter einem Schirm dem Wind entgegenstemmte, ein einzelner Mann mit hochgestelltem Kragen, der ohne zu schauen die Stra\u00dfe \u00fcberquerte. Auf der Scheibe wirkte der Regen wei\u00dflich dick, wie mit Schnee vermischt, aber auf der Stra\u00dfe gab es nur glitzernde Pf\u00fctzen. Jonas und Enno hatten Turnschuhe an, erinnerte sich Elisa. Der Abendverkehr schob sich \u00fcber die breiten Ringstra\u00dfen, die die Stadt umgaben, auch die kleinen Abk\u00fcrzungswege waren verstopft. Elisa wollte ihrem Auto Fl\u00fcgel geben, doch immer musste sie warten. Sie war w\u00fctend, dass sie wieder gebremst wurde, wie damals von Klothilde. Als sie endlich in Vinzents Stra\u00dfe einbog und langsam die Reihe der Autos abfuhr, die schon schlafend vor den Haust\u00fcren standen, und die Fenster der Villen waren erleuchtet, f\u00fcrchtete sie, Vinzent k\u00f6nnte b\u00f6se sein, weil sie zu sp\u00e4t kam. Aber als sie endlich das Auto verlie\u00df und durch den Regen lief, die Reihe der stillen H\u00e4user mit ihren Treppenaufg\u00e4ngen und im Wind gepeitschten Blument\u00f6pfen entlang, wusste sie, dass es nicht Vinzent war, der b\u00f6se wurde, wenn man zu sp\u00e4t kam. Sie klingelte, und die beiden Jungen empfingen sie st\u00fcrmisch. Hinter ihnen im Licht stand Vinzent, eine Hand in der Tasche, die andere hielt das Buch, aus dem er gerade vorlas.<br \/>\nEntschuldige, du wirst dich versp\u00e4ten.<br \/>\nWir fangen heute erst um neun Uhr an, entgegnete er. Willst du reinkommen? Es ist scheu\u00dflich drau\u00dfen.<br \/>\nElisa war verwirrt \u00fcber die Vertrautheit, die ihr entgegen kam, sie h\u00e4tte sich sofort hineinlegen m\u00f6gen in dieses sanfte und etwas sp\u00f6ttische L\u00e4cheln, die aufmerksamen, hellblauen Augen, ihre Nase in das kleine weiche Gr\u00fcbchen in seiner Kehle legen und seine salzige Haut auf den Lippen haben, den einzigartigen Vinzent-Geruch trinken wie eine Verdurstende. Er trat einen Schritt zur\u00fcck, um sie hereinzulassen.<br \/>\nDie beiden Jungen bearbeiteten sie: Freitag sollen wir bei Vinzent bleiben und zusammen essen, k\u00f6nnen wir Freitag? Vinzent will f\u00fcr uns kochen, und es gibt Milchreis mit Fr\u00fcchten zum Nachtisch, und du musst dir frei nehmen, er kann nur Freitagabend, und es ist schon alles verabredet!<br \/>\nElisa blieb in der T\u00fcr zum Wohnzimmer stehen, das genau die gleiche Vertrautheit atmete. In diesen M\u00f6beln hatte sie f\u00fcnfzehn Jahre gelebt. Das ausgesessene, gebl\u00fcmte Sofa, der kleine Sekret\u00e4r, der Stuhl mit dem verblichenen Stoff, den sie einmal selber bezogen hatte, es war auch etwas Neues hinzugekommen, eine etwas \u00fcberhebliche Musikanlage mit riesigen Boxen. Gleich daneben stand das Klavier. Es war aufgeschlagen, sie schaute nicht auf die Noten, sie wollte nicht wissen, ob er immer noch den gleichen Beethoven spielte, f\u00fcr Cello und Klavier. Das Zusammenspiel hatte sie oft ausges\u00f6hnt \u00fcber den l\u00e4cherlichen Alltagsstreit, aber eines Tages schwiegen die Kl\u00e4nge und wurden nicht wieder angeschlagen. Elisa drehte sich um. Sie war, ohne es zu merken, ins Wohnzimmer hinein gegangen, die Kinder und Vinzent sa\u00dfen schon wieder auf dem Sofa, und er las weiter.<br \/>\nWir k\u00f6nnen am Freitagabend zum Essen kommen, vielen Dank. Aber jetzt m\u00f6chte ich bald nach Hause. Ich bin m\u00fcde.<br \/>\nIhre letzten Worte wurden in einem Sturm der Entr\u00fcstung verschluckt, vor allem Enno br\u00fcllte und trommelte mit den F\u00fc\u00dfen aufs Sofa, Jonas blieb einfach still sitzen, angeschmiegt. Lies weiter, Vinzent, lies bitte weiter!<br \/>\nEure Mutter ist m\u00fcde, sagte Vinzent und klappte das Buch zu.<br \/>\nEnno trommelte nun mit seinen kleinen F\u00e4usten auf Vinzent ein, Jonas hielt ihn eisern am Arm, schnappte sich das Buch und schlug es geschickt wieder auf. Es war ein Spiel, das alle schon kannten. Vinzent kostete die Stimmung aus, so schien es Elisa, er sa\u00df geruhsam in der Mitte und lie\u00df hier jemanden schreien und dort jemanden lachen, wie er es in seinem Beruf gewohnt war. Elisa w\u00fcrde nie ein Buch zuklappen, wenn sie schon wusste, es w\u00fcrde nachher doch das Kapitel zu Ende gelesen.<br \/>\nLies weiter, rief sie schnell in den Tumult, nur um die Entr\u00fcstungswogen zu gl\u00e4tten, ich warte auf dem Flur.<br \/>\nSie schloss schnell die Glast\u00fcr zum Wohnzimmer, diese T\u00fcr mit dem undurchsichtigen, rubbeligen Glas, den Verzierungen an den R\u00e4ndern und der Frau in der Mitte, fein eingeritzt, die einen gro\u00dfen Hut voller Fr\u00fcchte trug. Elisa setzte sich auf den Stuhl neben der Garderobe, das Licht aus dem Wohnzimmer fiel auf die Fr\u00fcchte-Frau, Wenn man drinnen war, hatte man genau wie von hier aus das Gef\u00fchl, sie k\u00e4me auf einen zu und l\u00e4chelte einen an. Elisa lie\u00df alle Eindr\u00fccke ohne Vorsicht in sich hineinflie\u00dfen, sie sah den Spiegel, der schon in ihrer gemeinsamen Wohnung gehangen hatte und der zu der alten Garderobe geh\u00f6rte, die sie auf dem Sperrm\u00fcll gefunden hatten, als noch donnerstags Sperrm\u00fcll war und sie mit den Fahrr\u00e4dern die Stra\u00dfen abfuhren. Wie herrlich frei sie damals waren! Sie hatte an dem gro\u00dfen Sperrm\u00fcllhaufen gewartet, w\u00e4hrend Vinzent seinen alten VW-K\u00e4fer holte, da war dieser Hai gekommen, mit einem M\u00f6belwagen, hatte nur kurz draufgeguckt und gleich angefangen aufzuladen. Aber halt, das ist unsere Garderobe, wir haben sie zuerst gesehen, mein Mann holt nur den Wagen! \u201eMein Mann\u201c hatte sie gesagt und war dar\u00fcber ins Stocken geraten, weil Vinzent gar nicht ihr Mann war und es auch nie werden w\u00fcrde. Man kann sich nicht gegenseitig besitzen, jede Beziehung ist eine Begegnung auf Zeit, die h\u00e4lt, solange die Gef\u00fchle sie tragen, das war ihre \u00dcberzeugung. Aber das wusste dieser Hai nicht, und damit sie st\u00e4rker war und nicht nur ein dummes M\u00e4dchen, das auf einem Haufen alter M\u00f6bel sa\u00df, musste sie \u201emein Mann\u201c sagen, und diesen Moment ihrer Verwirrung nutzte er aus, griff nach der alten, verschn\u00f6rkelten Holzgarderobe mit dem geschliffenen Spiegel, aber Elisa sprang auf und hielt an ihr fest. Haben Sie mich nicht verstanden, das ist unsere Garderobe!<br \/>\nSp\u00e4ter sagte Vinzent, das sei einer der Momente gewesen, in denen er wusste, dass er sie liebte \u2013 als er dazukam und sie mit feuerroten Wangen um die Garderobe stritt. Vinzent hatte Angst um sie und h\u00e4tte die Garderobe dem Hai gelassen, aber sie hielt daran fest, und so war er fast so weit, sich mit dem Hai zu pr\u00fcgeln, doch es kam ein anderer Mann dazu, und der Hai gab aus unerfindlichen Gr\u00fcnden pl\u00f6tzlich auf und fuhr davon. Die Garderobe, so wie sie hier stand, wusste noch von Vinzents Liebe. Wie konnte diese Liebe verschwinden? Hatte sie sich ausgelebt, war sie nach und nach einfach weniger geworden wie ein Krug Wein, den man austrinkt? Oder war es von Anfang an nur eine Liebe gewesen, die sich auf dieses junge M\u00e4dchen bezog, das stark war und gef\u00e4hrlichen M\u00e4nnern entgegentrat? Und nachdem Elisas Angst immer sichtbarer wurde und sie nicht mehr vertuschen konnte, dass sie schwach war, zu schwach vielleicht, um diese Welt \u00fcberhaupt zu ertragen, da wusste diese Liebe nichts mehr mit ihr anzufangen und flachte ab wie eine Welle, die am seichten Strand ausl\u00e4uft und versickert? Oder war Vinzents Liebe etwas, was es nur momentweise gab, etwas Gro\u00dfes, Strahlendes wie ein mit hundert Kerzen erleuchtetes Zimmer, dessen T\u00fcr nur kurz ge\u00f6ffnet wurde, und man konnte den atemberaubenden Zauber \u00fcber sich herabfallen lassen und glauben, er sei f\u00fcr einen bestimmt, aber dann wurde die T\u00fcr wieder geschlossen. Lange hatte sie gedacht, das sei ihre Schuld, heute jedoch meinte sie, dass es etwas in Vinzents Wesen gab, weshalb er die T\u00fcr nur einen kurzen Moment ge\u00f6ffnet halten konnte. Aber Vinzent bestritt all dies.<br \/>\nWarum wolltest du nicht hereinkommen? fragte er, der jetzt neben der Fr\u00fcchte-Frau stand.<br \/>\nWeil ich gleich wieder gehen m\u00fcsste, hatte sie immer geantwortet. Heute blieb die Frage wie ein Vorwurf zwischen ihnen stehen, Vinzent wollte gar keine Antwort erhalten. Er wirkte ver\u00e4rgert und Elisa w\u00fcnschte nicht, dass er \u00e4rgerlich auf sie war, aber sie wusste, dass sie ein f\u00fcr alle Mal vor der T\u00fcr sitzen bleiben musste, und sie durfte auch nicht einen Moment zulassen, den Zauber der hundert Kerzen zu schauen, sie hatte sich schon zu oft daran verbrannt.<br \/>\nEnno bummelte ewig mit seinen Schuhen, und Jonas begann, in langsamen, umst\u00e4ndlichen S\u00e4tzen Elisa zu erz\u00e4hlen, an welcher Stelle des Buches sie sich gerade befanden und warum sie nicht aufh\u00f6ren konnten. Sie lasen \u201eUnterwegs nach Bigorra\u201c von Arnulf Zietelmann: eine junge Christin wandert im 8. Jahrhundert mit einem alten Juden von Spanien durch Frankreich, und nun hatten sie gerade den blinden Sarazenen Sahun getroffen.<br \/>\nVinzent machte sich f\u00fcr die Abendprobe fertig. Elisa dr\u00e4ngte die Kinder, sie wollte nicht mitbekommen, wie er aussah, wenn er zur Probe ging, oder ob er etwa abgeholt w\u00fcrde. Sie wollte nicht ber\u00fchrt werden von seinem Leben, und gleichzeitig h\u00e4tte sie sich neben Enno auf den Fu\u00dfboden setzen k\u00f6nnen, um ewig mit den Schuhen zu tr\u00f6deln und um eigentlich nicht wegzuwollen aus dieser H\u00f6hle der Vertrautheit in die unwirtliche Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Astrid Schmeda Hinter den Kulissen Roman ISBN 978-3-943446-47-0 Preis \u20ac 19,- 548 Seiten Edition Contra-Bass Elisa und Vinzent wollen nach der Zeit des Aufbruchs in den 70er und 80er Jahren ein unabh\u00e4ngiges, engagiertes Leben f\u00fchren. Elisa ist Gestalttherapeutin und spielt in einer Theatergruppe. Vinzent leitet ein kleines Theater. 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