{"id":27,"date":"2013-10-23T12:13:26","date_gmt":"2013-10-23T10:13:26","guid":{"rendered":"http:\/\/astridschmeda.de\/?page_id=27"},"modified":"2013-10-31T14:56:48","modified_gmt":"2013-10-31T12:56:48","slug":"ein-leidenschaftliches-interesse-am-wirklichen-leben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/astridschmeda.de\/?page_id=27","title":{"rendered":"Ein leidenschaftliches Interesse am wirklichen Leben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/astridschmeda.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Titel_Leben.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-126\" alt=\"Titel_Leben\" src=\"http:\/\/astridschmeda.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Titel_Leben.jpg\" width=\"130\" height=\"223\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Journalistin Lyda besucht, zusammen mit ihrem Freund Leonard, die Spanien-K\u00e4mpferin und Anarchistin Ella auf ihrem Landgut bei Nizza. Lyda und Leonard bringen Erfahrungen aus der Kollektivbewegung der 70iger Jahre in Deutschland mit. Leonard ist \u00fcberzeugter Marxist, aber nicht Kommunist. Lyda f\u00fchlt sich der Frauenbewegung verbunden. In Ellas Haus begegnen sie Martin, einem jungen Marseiller, der f\u00fcr Ella Haus und Garten versorgt. Er ist politisch vom Mai 68 gepr\u00e4gt. Au\u00dferdem ist Severin, ein Schweizer Geschichtsprofessor, der mit den Kommunisten sympathisiert, bei Ella zu Besuch.<\/p>\n<p>Der Roman beschreibt einen Tag, an dem diese f\u00fcnf Menschen sich auf der \u201eEsperanza\u201c, Ellas Landsitz, begegnen. Lyda interviewt Ella, sie will \u00fcber sie schreiben. Durch Ellas Geschichte ist jeder an seine eigene Geschichte erinnert. So gibt es f\u00fcnf Ich-Erz\u00e4hler\/innen, f\u00fcnf Perspektiven, f\u00fcnf verschiedene Assoziationsketten. Gespr\u00e4che, Gedanken, Erinnerungen und Gef\u00fchle, Gegenwart und Vergangenheit stehen gleichwertig nebeneinander. Die Suche nach individueller Freiheit und kollektivem Leben der 70iger Jahre wird zur\u00fcckgef\u00fchrt auf ihre Wurzeln, den \u201ekurzen Sommer der Anarchie\u201c in Spanien 1936, und Ellas Kampf gegen Faschismus und Stalins Diktatur.<\/p>\n<p>\u201eEin gesunder Abscheu vor den offiziellen Wahrheiten, vor dem Gepr\u00e4nge der Macht und ein leidenschaftliches Interesse am wirklichen Leben&#8230;\u201c so charakterisiert Victor Serge die Anarchisten des spanischen B\u00fcrgerkriegs.<\/p>\n<p>Roman<br \/>\nEdition Nautilus, Hamburg 1994<br \/>\nISBN: 3-89401-231-5<\/p>\n<p><strong>Hintergrund zum Roman<\/strong><\/p>\n<p>Astrid Schmeda wurde durch den Film \u201eDie lange Hoffnung\u201c der Freiburger Mediengruppe auf Clara Thalmann aufmerksam. Der Film zeigt eine Reise von Clara Thalmann und Augustin Souchy, erster Sekret\u00e4r des Anarchistischen Syndikalismus, Anfang der 80iger Jahre nach Spanien, an die St\u00e4tten des Kampfes und der anarchistischen Kollektivbewegung.<br \/>\nAstrid Schmeda reiste im Oktober 1986 zusammen mit Gerhard Stange zu Clara Thalmann in das Landhaus La Serena bei Nizza. In den vierzehn Tagen erz\u00e4hlte Clara Thalmann in langen Gespr\u00e4chen \u00fcber den Spanischen B\u00fcrgerkrieg und \u00fcber ihr Leben. Sie verabredeten weitere Treffen, da Clara Thalmann wollte, dass A.S. ein Buch \u00fcber die Serena schriebe. Wenige Monate sp\u00e4ter starb sie. A.S. fuhr ein Jahr sp\u00e4ter mit Gerhard Stange und ihrem einj\u00e4hrigen Sohn f\u00fcr Recherchen in die Schweiz, nach Nizza und nach Spanien, wo sie sich f\u00fcr ein Jahr niederlie\u00dfen. Sie begann dort, den Roman zu schreiben. \u201eEin leidenschaftliches Interesse am wirklichen Leben\u201c ist keine Biografie Clara Thalmanns, sondern ein Roman, der sich an der historischen Figur Clara Thalmanns orientiert. Die Autobiografie von Clara und Pavel Thalmann \u201eDie lange Hoffnung \u2013 Ein Leben f\u00fcr die Freiheit\u201c diente dabei als Grundlage.<\/p>\n<p><strong>Leseprobe<\/strong><\/p>\n<p>Recht bald lernte ich die rothaarige Alica n\u00e4her kennen, wir begegneten uns nicht zuf\u00e4llig h\u00e4ufiger auf dem Klo und sa\u00dfen in den Pausen zusammen. &#8220; Da\u00df die Frauen sich diese Schikanen gefallen lassen &#8222;, tuschelte ich ihr zu,&#8220; wir m\u00fcssen Sie davon \u00fcberzeugen, sich zu organisieren. &#8220; &#8211; &#8220; nicht organisieren, agieren! &#8220; zischte sie, warf ihre Zigarette ins Klo und ging an ihren Arbeitsplatz zur\u00fcck. W\u00e4hrend der Arbeit tauschten wir bedeutsame Blicke. Alica verstand es, mir mit Gesten und Mimik die Situation unter den Frauen und deren politische Standpunkte deutlich zu machen. Wir sprachen, wann immer wir konnten, die anderen Frauen darauf an, einen Streik zu machen, aber die meisten waren \u00e4ngstlich oder abweisend.<\/p>\n<p>Alica war radikal in ihrem politischen Wollen, aber sie versuchte nie, mich zu \u00fcberzeugen. Eines Tages bat ich sie, mitkommen zu d\u00fcrfen in ihre Gruppe. Ich holte sie vor ihrer Haust\u00fcr ab, das lag auf dem Weg, und wir beide gingen mit hochgezogenen Schultern durch die feuchte K\u00fchle des Abends, ab und zu klatschten mir letzte Regentropfen von den D\u00e4chern auf den Kopf und in den Nacken. Alicas Gruppe traf sich in der engen Wohnstube eines Druckers, au\u00dfer seiner Frau wohnten noch drei weitere Genossen in seiner Wohnung. Im Laufe des Abends kamen etwa 20 Menschen zusammen, \u00fcberwiegend M\u00e4nner, und es wurde ebensoviele Meinungen vertreten. Auch zum Ende der Sitzung gab es keinen gemeinsamen Entschlu\u00df. Dieses Vorgehen befremdete mich sehr, ich vertrat stramm die kommunistische Linie. Aber es gab etwas, was ich mir zutiefst merkte, es mu\u00df die Art des Umgehens miteinander gewesen sein, auch wenn sie sich heftig stritten und die ungezwungener Offenheit, mit der diese erste Wohngemeinschaft mir entgegenkam, obwohl ich nicht zu ihnen geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Eines Tages wurde Alica wieder einmal zur Aufseherin gerufen. Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu. Als sie, mit einer stolzen Kopfbewegung die Haare nach hinten werfend, durch die Reihen der arbeitenden Frauen zum Glashaus schritt, hatte ich den Eindruck, der ganze Saal verfolgte gespannt, was geschah. Alica kam bald zur\u00fcck, und ihr Gesicht war rot vor Zorn. Ihr sollte schon wieder etwas vom Lohn abgezogen werden, weil sie angeblich eine Pause \u00fcberzogen hatte. Das war das dritte Mal innerhalb kurzer Zeit. Ich sehe noch genau vor mir, wie Alica ihr Metallst\u00fcck in die Hand nimmt, an dem sie gerade arbeitet. Sie schaut es scheinbar versonnen an, aber ich sie die Kraft, mit der ihrer Hand es umspannt. Dann ein kurzer, absch\u00e4tzender Blick zum Glaskab\u00e4uschen der Aufseherin, Alica holt aus und wirft. Im n\u00e4chsten Moment erheben sich die Frauen des ganzen Saales, ergreifen ihre Metallst\u00fccke und schleuderte sie gegen das Glashaus. Unter Schreien und Rufen verlassen wir unsere Arbeitspl\u00e4tze, keine der sonst so z\u00f6gerlichen Frauen arbeitete weiter. Die Aufseherin sitzt in einem Scherbenhaufen. Ich stehe im Gedr\u00e4nge neben Alica und dr\u00fcckte ihrer Hand, die Forderungen nach freiem Klogang, mehr Pausen, nach Angleichung des Frauenlohnes an den der M\u00e4nner bei gleicher Arbeit sind sofort auf allen Lippen. Inzwischen haben die M\u00e4nner aus der Halle nebenan unseren Aufstand bemerkt und tun es uns gleich. Sie kommen zu uns her\u00fcber und solidarisieren sich mit uns, gemeinsam ziehen wir vors Fabriktor und erkl\u00e4ren den Betrieb f\u00fcr bestreikt.<\/p>\n<p>An diesem Abend fahre ich nicht nach Hause. Viele der Frauen und M\u00e4nner bleiben, um die Fabrik zu bewachen. Wir sitzen in kleinen Gruppen bis tief in die Nacht am Tor, jemand bringt Decken. Wir diskutieren und singen viel. Noch nie haben wir so viel Zeit gehabt, unter uns Frauen zu sprechen.<\/p>\n<p>Am anderen Morgen bin ich sehr fr\u00fch wach, drau\u00dfen ist alles ruhig, die D\u00e4mmerung liegt grau \u00fcber den Geb\u00e4uden, eine Drossel stimmt ihren Morgengesang an. Eine Gestalt huscht vor dem Tor, ein leiser Pfiff: Ich \u00f6ffne Florences, wir umarmen uns, sie bringt Kaffee. Inzwischen sind die anderen Frauen aufgewacht und umringen sie erfreut. Als die Fabriksirene pfeift, entgegnen wir ihr mit Gejohle.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter standen Alica und ich auf der Stra\u00dfe. Der Streik war erfolgreich beendet worden, viele unserer Forderungen wurden erf\u00fcllt, aber wir beide wurden nicht wieder eingestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Journalistin Lyda besucht, zusammen mit ihrem Freund Leonard, die Spanien-K\u00e4mpferin und Anarchistin Ella auf ihrem Landgut bei Nizza. Lyda und Leonard bringen Erfahrungen aus der Kollektivbewegung der 70iger Jahre in Deutschland mit. Leonard ist \u00fcberzeugter Marxist, aber nicht Kommunist. Lyda f\u00fchlt sich der Frauenbewegung verbunden. 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