{"id":39,"date":"2013-10-23T12:19:32","date_gmt":"2013-10-23T10:19:32","guid":{"rendered":"http:\/\/astridschmeda.de\/?page_id=39"},"modified":"2013-10-31T15:01:44","modified_gmt":"2013-10-31T13:01:44","slug":"barfuss-erzaehlungen-aus-dem-midi","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/astridschmeda.de\/?page_id=39","title":{"rendered":"Barfu\u00df \u2013 Erz\u00e4hlungen aus dem Midi"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/astridschmeda.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Titel_barfuss.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-123\" alt=\"Titel_barfuss\" src=\"http:\/\/astridschmeda.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Titel_barfuss.jpg\" width=\"146\" height=\"223\" \/><\/a><\/p>\n<p>Erz\u00e4hlungen aus dem Midi, enthalten sind 20 farbige Fotografien der Autorin.<\/p>\n<p>Der Midi bezeichnet den Su\u0308den Frankreichs und bedeutet im Franz\u00f6sischen gleichzeitig Mittag. Die Geschichten sind aus der Perspektive der Ich-Erz\u00e4hlerin Lotta geschrieben, die mit Clemens und ihrem Sohn Ihmo in einem kleinen Dorf zwischen Avignon und dem Pont du Gard lebt. Ihre Begegnungen mit Menschen verschiedener Herkunft sind gepr\u00e4gt von ihrer Neugierde auf das Fremde, auf Geschichte und Geschichten. Der Jugendliche Ihmo ist in unmittelbarer Weise mit den Problematiken einer ihm fremden Gesellschaft konfrontiert. Das Hauptinteresse der Erz\u00e4hlerin gilt den unterschiedlichen Kulturen, die sich im Su\u0308den Frankreichs begegnen, und der deutsch-franz\u00f6sischen Vergangenheit, auf die eine Deutsche unweigerlich in Frankreich trifft. Viele der Menschen, die uns in den Erz\u00e4hlungen begegnen, laufen barfu\u00df: synonym fu\u0308r Armut, fu\u0308r eine andere Kultur, die Hitze des Su\u0308dens, fu\u0308r den Kontakt zum Boden.<\/p>\n<p>ISBN 978-3-943446-02-9<br \/>\nca. 168 Seiten<br \/>\n17,90 \u20ac<br \/>\nEdition Contra-Bass<\/p>\n<p><strong>Leseprobe<\/strong><\/p>\n<p>Der Fremdenlegion\u00e4r<\/p>\n<p>Sein Gesicht schien mir bekannt. Es war mir vielleicht schon einmal aufgefallen unter den anderen Clochards in Remoulins, die jeden Tag auf einer Bank sitzen. Ein dunkelbraunes, gegerbtes Gesicht, mit tausend F\u00e4ltchen. Ich k\u00f6nnte nicht sagen, ob er alt war oder nicht.<br \/>\nEr tippte mir auf die Schulter:<br \/>\n\u2013 Sie k\u00f6nnen Ihren Wagen so stehen lassen, er ist schlecht geparkt, aber ich werde darauf aufpassen. Cuxhaven. Ich habe Ihr Auto schon \u00f6fter beobachtet.<br \/>\nNachdem ich meinen Widerwillen beiseite geschoben hatte, bemerkte ich, dass er mit mir auf deutsch sprach. Ein norddeutscher Akzent mit einer franz\u00f6sischen Melodie. Ich nickte ihm zu, ich wollte mich nicht hineinziehen lassen in ein Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Ich stand Schlange vor einem Geldautomaten. Remoulins ist ein Dorf ohne Charme, das Zentrum wird von der Nationalstra\u00dfe durchschnitten und vom L\u00e4rm der gro\u00dfen Laster bet\u00e4ubt, die auf der Durchfahrt nach Spanien sind. Ein Caf\u00e9 du Nord, ein Hotel Moderne, wie \u00fcberall. F\u00fcr mich war es der Geldautomat, weshalb ich manchmal hier anhielt.<\/p>\n<p>Der Clochard redete auf mich ein.<br \/>\n\u2013 Cuxhaven! Das war der Hafen, in dem ich mein erstes Schiff nahm, ich war vierzehn Jahre alt.<br \/>\nSeine Erinnerungen ver\u00e4nderten sein Gesicht. Ich sah den kleinen Jungen, der seine Mutter verlie\u00df, um die Welt zu erobern.<br \/>\n\u2013 Ich habe die St\u00e4dte brennen sehen, Hamburg, Bremen \u2026<br \/>\nIn meiner Kindheit herrschte der Krieg. Danach kam der Hunger. Als Schiffsjunge half ich in der Komb\u00fcse. Wir hatten immer genug zu essen.<br \/>\nEr schenkte mir ein breites, zahnloses Grinsen.<br \/>\n\u2013 Ob ich die Welt gesehen habe? Ich habe alles gesehen. Kapstadt, Calcutta, Hongkong. Ich kenne alle Rassen. Man kann mir nichts erz\u00e4hlen. Ich bin kein Rassist, Madame, glauben Sie mir. Ich bin kein Rassist!<br \/>\nEr kam n\u00e4her. Er hatte die letzten S\u00e4tze eindringlich gesprochen, die fehlenden Vorderz\u00e4hne machten es ihm schwer, das S zu bew\u00e4ltigen.<br \/>\nIch verga\u00df, warum ich hier wartete. Er nahm mich gefangen, aber ich versuchte noch, ihm meine Aufmerksamkeit nicht zu zeigen.<br \/>\nEr stand nahe vor mir, von Zeit zu Zeit ber\u00fchrte er meinen Arm, um einen Satz zu unterstreichen. Er war klein und kr\u00e4ftig. Unter den bis auf den Boden reichenden Hosenbeinen schauten seine nackten F\u00fc\u00dfe hervor.<br \/>\n\u2013 Sp\u00e4ter haben sie mich f\u00fcr die Fremdenlegion geworben. Es war nicht, weil ich den Krieg wollte, Madame, dass ich mitging. Es war wegen des Geldes. Ich hatte eine Frau. Eine Franz\u00f6sin. Ich hatte sie in Marseille kennen gelernt. Wir lebten in Algerien. Eine sch\u00f6ne Frau, Madame, Sie kennen ja die franz\u00f6sischen Frauen!<br \/>\nF\u00fcr einen Moment wurde unter der Maske des Clochards der Mann sichtbar, der er fr\u00fcher einmal war.<br \/>\n\u2013 Der Krieg in Algerien war ein schmutziger Krieg.<br \/>\nEr schwieg einen Moment, und seine Augen flackerten.<br \/>\n\u2013 Madame, wenn zwei M\u00e4nner sich streiten, schlagen sie sich, das ist normal. Aber wenn sie eine Auseinandersetzung haben, zum Beispiel in einer Bar, was m\u00fcssen sie zuerst tun?<br \/>\nEr lie\u00df mir eine Pause, um nachzudenken.<br \/>\n\u2013 Sie m\u00fcssen die Frauen nach drau\u00dfen schicken. Das ist eine Sache zwischen M\u00e4nnern. Warum haben die Algerier die Frauen mit hinein gezogen?<br \/>\nEr kam noch etwas n\u00e4her und senkte die Stimme.<br \/>\n\u2013 Ich hatte zwei kleine M\u00e4dchen, Zwillinge, zwei Jahre alt. Alle drei sind\u2026 Er machte eine bezeichnende Geste an seiner Gurgel entlang.<br \/>\nErschrocken trat ich einen Schritt zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erz\u00e4hlungen aus dem Midi, enthalten sind 20 farbige Fotografien der Autorin. Der Midi bezeichnet den Su\u0308den Frankreichs und bedeutet im Franz\u00f6sischen gleichzeitig Mittag. Die Geschichten sind aus der Perspektive der Ich-Erz\u00e4hlerin Lotta geschrieben, die mit Clemens und ihrem Sohn Ihmo in einem kleinen Dorf zwischen Avignon und dem Pont du Gard lebt. 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